Konzentrationslager MoringenConcentration Camp Moringen

Identifier
DE ITS 1.1.28
Language of Description
German
Dates
1 Jan 1933 - 31 Dec 1985
Level of Description
Collection
Languages
  • de,,pl / Latn
Source
EHRI Partner

Extent and Medium

17 Ordner

digital reproductions

7048

Fotokopien, Abschriften, Drucksachen, Film/Rückvergrößerungen

Creator(s)

Archival History

Die Sammlungen des ITS wurden entsprechend den Anforderungen seiner ursprünglichen Aufgabe, als Such- und Anlaufstelle für Überlebende und Angehörige von Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung, angelegt. Die aufzunehmenden Dokumente wurden nach ihrem Erfassungsdatum chronologisch registriert. Die bestehende Ordnung der Konzentrationslagerbestände nach dem Pertinenzprinzip ist somit als Teil der Entwicklungen innerhalb der Organisationsstruktur des Suchdienstes zu verstehen. Die Bestände beinhalten eine Vielzahl unterschiedlicher Dokumententypen, wie individuelle Einzelunterlagen oder Listenmaterial. Entstanden sind sie zum Teil direkt bei den nationalsozialistischen Behörden und Organisationen oder auf Veranlassung der Alliierten und humanitärer Organisationen nach der Befreiung. In den ITS gelangten sie zum einen durch die Übergabe von Regierungen, Privatorganisationen, anderen Archiven und von Privatpersonen, zum anderen durch gezielten Dokumentenerwerb durch Mitarbeiter/innen des ITS, in der Absicht die teils großen Lücken der jeweiligen Lagergeschichte zumindest zu verringern, denn von den 24 Konzentrationslager der Kriegszeit mit ihren über 1.000 Außenkommandos sind lediglich die Dokumente der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau namentlich nahezu vollständig vorhanden. Andere Lager sind gut oder nur teilweise, spärlich oder überhaupt nicht mit namentlichen Dokumenten belegt. Neben den im Original vorhandenen, liegen in den Sammlungen des ITS viele Dokumente als Kopie vor. Dabei ist zu beachten, dass diese Kopien nicht selten die einzig bekannten Exemplare der jeweiligen Unterlagen sind. Der überwiegenden Mehrheit der Konzentrationslagerbestände wurde unter x.x.x.1 Listenmaterial zugeordnet. Dabei handelt es sich um Sammlungen personenbezogener Unterlagen, die nach Konzentrationslagern sortiert und nach dem Aktenplan der UNRRA, AL 4, unter GCC (German Concentration Camp), OCC (Outside Concentration Camp) oder VCC (Various Concentration Camp) abgelegt sind. Alte Aktenzeichen: keines

Scope and Content

Die Sammlung enthält u.a.: Personalakten von Häftlingen des Frauenschutzhaftlagers Moringen (beinhalten überwiegend Häftlingspersonalbogen, ärztliche Untersuchungsbogen, Schutzhaftbefehle sowie Korrespondenz mit den einweisenden Dienststellen und Entlassungsanordnungen), Verschiedene Unterlagen betr. Häftlinge, „Gesundheitsblätter“, Korrespondenz betr: Schutzhaftlager Moringen Gründung, Verwaltung, Finanzierung, Besichtigung des Lagers, Einlieferungen, Kategorien der Insassen, Bestandsmeldungen, Unterbringung und Verpflegung, Arbeitseinsatz, ärztliche Betreuung, Bewachung, Entlassungen; Anordnung des Reichsministers des Innern Berlin, Bericht über die Besichtigung des Jugendschutzlagers Moringen, Auszug aus dem Ministerialblatt des Reichs- und Preußischen Ministeriums des Innern (MBLIV), Versch. Unterlagen betr. die Fürsorgeerziehung im Dritten Reich, das Jugendstrafrecht und die Verwahrung Jugendlicher in Jugendschutzlagern Geschichte des Konzentrationslagers Moringen 1933-1945: Moringen ist eine Kleinstadt im Süden Niedersachsens, rund 20 km von Göttingen entfernt. Das KZ befand sich in den Räumen und auf dem Gelände des „Werkhauses“ Moringen. Im Rahmen der so genannten „wilden Lager“, die in den ersten Monaten oder auch nur Wochen der NS-Herrschaft in Kellern oder Gemeindehäusern, auf Schiffen oder in leer stehenden Fabriken eingerichtet wurden, entstand auch das KZ Moringen. Die Etablierung des KZ Dachau als „Musterlager“ im März 1933 führte dazu, dass im Mai 1934 Heinrich Himmler Theodor Eicke, der seit Juni 1933 Kommandant in Dachau war, beauftragte, die Organisation der KZ nach dem „Dachauer Modell“ anzugehen. Davon war auch das KZ Moringen betroffen, das als eines der „wilden Lager“ die ersten Wochen bzw. Monate der NS-Herrschaft überdauerte. Im April 1933 wurde in den Räumen des so genannten „Landeswerkhauses“ in Moringen das KZ eingerichtet, das bis 1945 unter wechselnden Maßgaben bis 1945 bestehen blieb. Werkhäuser waren eine Institution des 19. Jahrhunderts; in den ca. 50 in Deutschland bestehenden Einrichtungen wurden sozial auffällige Personen zur „Korrektion“ untergebracht. Am 11. April 1933 wurden die ersten Menschen in das KZ gebracht, vor allem politische Oppositionelle. Die Häftlinge stammten größtenteils aus der Provinz Hannover. Bewacht wurden sie von mehr als 50 SA- und SS-Männern sowie Polizisten. Am 21. Juni 1933 begann ein Großteil der Häftlinge einen Hungerstreik gegen Inhaftierung und Haftbedingungen, der fünf Tage dauerte. Im Juni 1933 entstand im KZ Moringen eine eigene „Frauenschutzhaftabteilung”. Die ersten weiblichen KZ-Häftlinge wurden gemeinsam mit den dort befindlichen Insassen des Werkhauses untergebracht. Die anfangs sehr geringe Zahl der weiblichen Inhaftierten stieg auf mehr als 140 im November 1933. Neben politischen Gegnerinnen des Nationalsozialismus wurden v. a. Zeugen Jehovas sowie jüdische Remigrantinnen und Frauen, die so genannte „Rasseschande“ begangen hatten, in das KZ Moringen deportiert. Parallel dazu verlegte die SS die männlichen Häftlinge in andere KZ, u. a. in die Emslandlager, nach Oranienburg sowie Brandenburg. Nach der Schließung der „Schutzhaftabteilung“ für Frauen im KZ Brauweiler bei Köln wurde Moringen zum zentralen Frauen-KZ für Preußen. Zwischen 1933 und 1938 waren 1.350 Frauen im KZ Moringen inhaftiert. Nach Auflösung des KZ Ende 1938, kamen die Frauen in drei Transporten in das Frauen-KZ Lichtenburg. Von dort wurden viele später in das KZ Ravensbrück deportiert. Reinhard Heydrich forderte im September 1939 erstmals eigene Lager zur Internierung „verwahrloster und sozial unangepasster“ Jugendlicher. Heinrich Himmler befürwortete dies, und so wurde im Frühjahr 1940 das Reichskriminalpolizeiamt mit der Etablierung solcher Lager beauftragt. Das im Juni 1940 eröffnete Jugend-KZ Moringen für männliche Jugendliche erhielt 1942 ein Pendant für Mädchen: das nahe dem KZ Ravensbrück gelegene KZ Uckermark. Die in das „polizeiliche Jugendschutzlager“ Moringen eingelieferten Jungen waren zwischen 12 und 22 Jahren. Die Einweisung in ein Jugend-KZ konnte u. a. von Schulen, Pädagogen, Ärzten, der HJ und dem BDM beantragt werden. „Gründe“ waren beispielsweise die Ablehnung, der HJ oder dem BDM beizutreten oder „ordentlich“ Dienst auszuüben, Arbeitsverweigerung, „Renitenz“, „Sippenhaft“ bei politischer Opposition der Eltern oder eigener Opposition, Zugehörigkeit zur „Swingjugend“, Homosexualität, sexuelle Freizügigkeit oder körperliche und geistige Krankheiten. Zwischen 1940 und 1945 wurden im Jugend-KZ Moringen etwa 1.400 Jugendliche inhaftiert. Die jungen Häftlinge wurden aus Deutschland, Österreich und auch aus von Nazi-Deutschland besetzten Staaten, z. B. Luxemburg oder der Slowenien, nach Moringen verschleppt. Die jungen Menschen sollten durch die SS mit Hilfe von Terror, Zwangsarbeit und Hunger gebrochen bzw. „umerzogen“ werden. 1941 kam es auf dem Gelände des Werkhauses zum Bau von Wachtürmen und einem Barackenlager, das mit Stacheldraht umgeben war. Zwei Außenkommandos, eines in einer unterirdischen Munitionsfabrik (seit Sommer 1944) und eines in Berlin-Weißensee (seit Sommer 1943) zeigen, dass dieses KZ nicht anders organisiert war als die anderen Lager des Nationalsozialismus. Kommandant in Moringen war bis 1944 der Kriminalrat und SS-Mann Karl Dieter; ihm standen 120 Wachmänner zur Seite, hinzu kamen zivile Angestellte und Verwaltungsbeamte. Von 1941 an betätigten sich „Kriminalbiologen“ im KZ Moringen. Dr. Dr. Robert Ritter, seit 1936 als Leiter der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ des Reichsgesundheitsamts, war Leiter der „rassenbiologischen Erfassung“ der Sinti und Roma in Deutschland. In Moringen und auch Uckermark versuchten Ritter als „Leitender Kriminalbiologe“ und seine Mitarbeiter, ihre erbbiologischen Thesen über „asoziales“ und kriminelles“ Verhalten zu untermauern. Anhand der pseudowissenschaftlichen, „statistischen“ Daten aus dem KZ Moringen sollte die Sterilisation oder auch Tötung bestimmter sozialer Gruppen auf eine „seriöse“ Grundlage gestellt werden. Ritter installierte ein zynisches System der „Differenzierung“ in den beiden Jugend-KZ, d .h. die Jugendlichen wurden nach „erbbiologischen“ Prinzipien auf bestimmte Blöcke verteilt – der Beobachtungsblock (B-Block), der Block der Untauglichen (U-Block), der Block der Störer (S-Block), der Block der Dauerversager (D-Block), der Block der Gelegenheitsversager (G-Block), der Block der fraglich Erziehungsfähigen (F-Block), der Block der Erziehungsfähigen (E-Block) und der Stapo-Block (ST-Block), mit politisch-oppositionell eingestuften Jugendlichen. Je nach Block konnte den jungen Menschen eine Überweisung in ein weiteres KZ, die Zwangssterilisierung oder auch die Einweisung in eine Anstalt drohen. Mehr als 20 Zwangssterilisationen und 89 Tote sind verbürgt. Im März 1945 wurden ca. 250 Jugendliche in die Wehrmacht gezwungen. Anfang April wurde das KZ Moringen geräumt; nur die Schwerkranken blieben zurück. Der Todesmarsch wurde Richtung Harz getrieben, die SS ließ die jungen Häftlinge jedoch allein zurück, als die US-Armee näher rückte. Bei Lochtum und Appenrode wurden die Jugendlichen befreit. Das „Werkhaus“ wurde mitsamt den Baracken in ein DP-Camp für Polen umfunktioniert und im August 1947 von den Amerikanern dem Land Niedersachsen zurückgegeben. Heute befindet sich dort ein psychiatrisches Krankenhaus. Robert Ritter wurde 1947 Stadtarzt im Stadtgesundheitsamt in Frankfurt am Main. Dort war er zuständig für die „Jugendhilfsstelle“ und die „Fürsorgestelle für Gemüts- und Nervenkranke“. Die 1948 eingeleiteten Ermittlungen der Frankfurter Staatsanwaltschaft kamen nicht voran, da den Zeugenaussagen von Sinti und Roma kaum Beachtung geschenkt wurde. Ritter hingegen sagte aus, er habe von Deportationen der Sinti und Roma nach Auschwitz nichts erfahren. Das Ermittlungsverfahren wurde 1950 eingestellt. Autorin: Susanne Urban, Bereichsleiterin Forschung

System of Arrangement

1.1.28.0 Allgemeine Informationen Konzentrations- und Jugendschutzlager Moringen

1.1.28.1 Listenmaterial Moringen

1.1.28.0 General information

1.1.28.1 List material

Finding Aids

  • Namen sind in der Zentralen Namenskartei (ZNK) des ITS recherchierbar

Existence and Location of Originals

  • teilweise Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover

Existence and Location of Copies

  • Digitale Kopien der ITS Sammlungen: Dokumentations- und Forschungszentrum über den Widerstand, Luxemburg,, Französisches Nationalarchiv, Paris,, Institut für nationales Gedenken, Warschau,, Staatsarchiv Belgien,, USHMM, Washington,, Wiener Library, London,, Yad Vashem, Jerusalem

Sources

  • Caplan, Jane/Herz, Gabriele: „Schutzhaft“ im Frauen-Konzentrationslager Moringen 1936-1937. In: Bock, Gisela (Hrsg.): Genozid und Geschlecht. Jüdische Frauen im nationalsozialistischen Lagersystem, Frankfurt/New York 2005, S. 22-43.

  • Fritz, Regina: Moringen, Auschwitz, Buchenwald. Das Schicksal der Sinti und Roma im Jugend-KZ Moringen. In: Dokumente. Rundbrief der Lagergemeinschaft und Gedenkstätte KZ Moringen e.V., Nr. 23 (2005) S. 16-17.

  • Guse, Martin: „Der Kleine, der hat sehr leiden müssen...“ Zeugen Jehovas im Jugend-KZ Moringen. In: Hesse, Hans (Hrsg.): „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“. Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus, Bremen 1998, S.102-120.

  • Guse, Martin: Haftgrund: „Gemeinschaftsfremder“. Ausgrenzung und Haft von Jugendlichen im Jugend-KZ Moringen. In: Sedlaczek, Dieter u.a. (Hrsg.): „minderwertig“ und „asozial“. Stationen der Verfolgung gesellschaftlicher Außenseiter, Zürich 2005, S. 127-156.

  • Herz, Gabriele: Das Frauenlager von Moringen. Schicksale in früher Nazizeit. Herausgegeben und mit einer Einleitung von Jane Caplan, Berlin 2009.

  • Hesse, Hans: Von der „Erziehung“ zur „Ausmerzung“. Das Konzentrationslager Moringen 1933-1945. In: Benz, Wolfgang/Distel, Barbara (Hrsg.): Instrumentarium der Macht. Frühe Konzentrationslager 1933-1937. Bd. 3, Berlin 2003, S. 111-146.

  • Hesse, Hans: Das Frauen-KZ Moringen 1933-1938, Göttingen 2000.

  • Sedlaczek, Dietmar: Ihrer Jugend beraubt – Kinder und Jugendliche in nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern. In: Quack, Sybille (Hrsg.): Dimensionen der Verfolgung. Opfer und Opfergruppen im Nationalsozialismus. [Schriftenreihe der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Band II], München 2003, S. 223-229.

Process Info

  • Bearbeitet von SL gemäß des Erschließungssystems des ITS

  • 2013-02-12

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